Die Reihe systematischer Untersuchungen, die zwischen 1893 und 1919 durchgeführt wurden und die der Katakombe die heutige Gestalt geben, gehen auf Paolo Orsi zurück. Berühmt ist die Katakombe aufgrund des zufälligen Fundes des berühmten Adelphia-Sarkophags (z.Z. im zentralen Saal des archäologischen Regionalmuseums „P. Orsi" ausgestellt, bis er dann letztendlich in den oberen römisch-christlichen Teil – noch im Bau – versetzt wird). Es handelt sich hierbei um einen der wenigen Sarkophage mit Doppelrelief, der während der Ausgrabungen aufgefunden wurde und zwar im Jahre 1872 durch Saverio Cavallari in einem Rundbau des südlichen Sektors, auf den wir noch zurückkommen werden. Wir kennen die antike Benennung dieser Katakombe nicht und anders als bei den römischen Friedhöfen ist es uns nicht möglich, Spuren der Existenz eines oder mehrerer Märtyrer aufzufinden, denen diese Katakombe hätte geweiht sein können. Unter den Normannen wurde die oberhalb stehende Kirche Johannes dem Evangelisten geweiht, so wurde ihm auch die Katakombe gewidmet.
Nicht anders als es bei den römischen Katakomben vorkommt, aber mit einer bedeutenderen Monumentalität, sieht das Projekt die Schaffung einer regelrechten Stadtplanung für die unterirdische Stadt der Toten vor. Hierbei werden die schon vorhandenen Aquäduktstrukturen intensiv ausgenutzt. Zur Schaffung des Hauptganges (Bild 3) benutzte man den Weg eines Aquädukts klassischer Zeit (seine Spuren findet man übrigens längs des gesamten „decumanus maximus" wieder).
Anders als bei den Katakomben von Vigna Cassia und Santa Lucia entsteht die Katakombe von S. Giovanni, um einer Gemeinschaft zu dienen, die den christlichen Glauben nicht mehr verstecken muss, also in der Zeit nach dem Kirchenfrieden. Das Grabdenkmal selbst gibt uns den Beweis dafür, und zwar mit der Großartigkeit seiner Architektur. Man findet hier die üblichen Beisetzungsarten: Grabnischen (rechteckige Aushöhlungen mit sichtbarer Längsseite, die mittels Ziegeln, Marmorplatten oder Backsteinen geschlossen wurden); eine sorgfältigere Beisetzungsart ist das Bogengrab, ein direkt in den Felsen gehauener Sarkophag, horizontal durch eine Tafel, „mensa" genannt, verschlossen; darüber befand sich eine rechteckige Nische oder, wie in unserem Fall, eine Bogennische. Das Bogengrab enthielt normalerweise zwei Leichen, es konnte aber auch doppelt so viele fassen und in der Sonderform, die einen besonderer Vorzug Syrakusas ( Siracusa) ist, fanden auch um die 20 Leichen Platz. In den unterirdischen Friedhöfen findet man auch die „forma", die in den Boden gehauene Grabstätte, typisch für die sich im Freien befindenden Nekropolen.
Zu Beginn des zweiten Nordganges befindet sich eine Grabstätte, die sicherlich als privilegiert angesehen werden kann, wie die Abdeckplatte mit den drei Löchern angedeutet. Es handelt sich hierbei um ein antikes, vorchristliches Ritual, das sich bis in heutige Zeit fortsetzt: das „refrigerium" – Ritual, wortwörtlich, die Erfrischung". Am Todestage- dem Geburtstag der Seele und des ewigen Lebens – trösten sich die Lebenden, indem sie ihren Angehörigen Wein, Milch, Honig u.ä. durch die Löcher in der Abdeckplatte eingießen. Wenn man den gleichen Gang weitergeht und dann nach rechts biegt, gelangt man in einen trapezartigen Raum (das „Cubiculum A") – Bild 4. An den Wänden entdeckt man noch Spuren einer schlichten Malerei, die sich nur einfacher Linien oder Netzwerken von Linien bedient (letztere eine Anspielung an den Garten Eden), um einigen Bogengräbern eine persönliche Note zu verleihen.
Von dieser Kammer gelangt man links in ein regelrechtes unterirdisches Pantheon, das man durch eine monumentale Zugangstreppe erreicht , an deren Wänden eindeutig die Spuren früherer Säulen mit darauf liegenden Kapitellen zu sehen sind.
Der Rundbau wurde „Antiochia" genannt – Bild 5 – aufgrund des gebauten Sarkophas, der aus dem in den Felsen gehauenen Gräberring herausragt. Im Inneren dieses Rundbaus ist ein Bogengrab nennenswert, dessen Terrassenförmige Anlage einen eindrucksvollen ansteigenden Eindruck gibt. Am Ende des dritten Nordganges kommen wir links wieder in den „decumanus Maximus" zurück. Verweilen wir hier vor dem Dekor eines isolierten Bogengrabs. Dieses war für eine einzelne, wichtige Beisetzung vorgesehen, wahrscheinlich einer ansässigen Jungfrau gehörend. Die Überlagerung sowohl von Malereien als auch von gemalten und geritzten Inschriften macht es uns nicht leicht, den ersten Besitzer dieses Grabes zu ermitteln. Hier wollen wir uns damit begnügen, die Bilder der oberen Wand des Bogengrabes zu deuten (erste Hälfte des
5. Jahrhunderts): man sieht eine vertraute Szene, in der die Tote, in der Mitte, von den Aposteln Petrus (mit den Schlüsseln) und Paulus empfangen wird, um das überirdische Leben zu beginnen. Auf dem Hintergrund wird mit vereinzelten Blumen auf den Paradiesgarten angespielt. Die Szene wird von Christus beherrscht, dessen Anwesenheit durch die übereinander geschriebenen ersten beiden griechischen Buchstaben seines Namens angezeigt wird. Daneben liest man die beiden apokalyptischen Buchstaben (das Alpha und das Omega, jeweils erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets), die darauf hindeuten, dass Christus der Anfang und das Ende aller Dinge ist. Wenn man weitergeht, so findet man rechts in einem Bogengrab ein Lünettenbild einer Muttergottes mit Kind. Auf einem anderen Lünettenbild, im sogenannten pompejanischen Bogengrab, findet man eine der meistverbreiteten Figuren der Katakombenmalerei, die betende Person.
Kehren wir nun zurück und biegen wir in den ersten begehbaren linken Gang. Dieser führt uns in den südlichen Teil des Friedhofs. Der erste Rundbau trägt den Namen Marina, aufgrund einer eingeritzten Inschrift, die jüngsten Studien nach auf das erste Viertel des 5. Jahrhunderts zurückzuführen ist. In der kurzen Sackgasse, die von Marina-Rundbau ausgeht, befindet sich das vermutliche Bogengrab des Bischofs Siracosio, von dem eine Inschrift in einem benachbarten Bodengrab spricht. Hierin heißt es, dass die Verstorbenen gewollt eine Grabstätte neben der des Bischofs Siracosio gekauft hätten. Dieses Grab mit eingemeißelter, sich noch an Ort befindender Abdeckplatte als dasjenige, eines hohen Repräsentanten der Kirche zu bezeichnen, ist also nur eine Vermutung. Deutlich zu unterscheiden sind die beiden ersten Buchstaben des Namens Christus, zusammen mit den apokalyptischen Buchstaben Alpha und Omega sowie zwei fischförmige Schiffe. Vom Marina-Rundbau führt ein Gang zu einem zweiten Rundbau, Adelphia genannt – Bild 6 – und dort zur großen Grabnische, worin der Sarkophag einer Frau senatorischen Ranges aufbewahrt war. Es ist einer der wenigen Sarkophage mit doppelläufigem Muster, die uns aus der gesamten christlichen Welt bekannt sind. An der Seitenwand des Sarkophags (Bild 7) sehen wir eine Art Zusammenfassung der wichtigsten Szenen des Alten und Neuen Testaments, während man in der Muschel im Zentrum das verstorbene Brautpaar erkennen kann. Vom Adelphia-Rundbau aus erreichen wir den Rundbau der Sarkophage – Bild 8. Hier finden wir eine Anzahl Kistengräber, sowohl in den Stein gehauene als auch konstruierte, ähnlich derer, die man schon in anderen Teilen der Katakombe beobachtet hat. Das Überraschende ist hier natürlich die hohe Anzahl dieser monumentalen Beisetzungsart an nur einem Ort, was uns vermuten lässt, dass die Gräber einer Religionsgemeinde angehörten. Um ehrlich zu sein gibt es hierfür nur sehr wenige Indizien, erwähnenswert ist darunter die Inschrift der seligen Jungfrauen Fotina und Filomena, die 80 bzw. 84 Jahre alt wurden. Die letzte Etappe unserer unterirdischen Reise ist die Grabstätte des Eusebius. Die Struktur dieses privaten Friedhofteils ist nicht so wie die der anderen im Südteil der Katakombe, aber auch hier scheint eine früher existierende Wasserzisterne ausgehölt worden sein. Der Name Eusebius stammt – wieder einmal – aus einer Inschrift, die man in einem monumentalen dreistufigen Grab fand, auf der linken Seite sichtbar. Wichtig ist dieser Friedhofsteil vor allem für die hiesige Bevölkerung: man fand hier auf einer Marmorplatte die Euskia-Inschrift, die den Kult für die Stadtheilige Lucia schon im 5. Jhdt. bezeugt.
Die Katakomben von Syrakus sind der päpstlichen Kommission für Christliche Archäologie unterstellt. Dieses Organ des Vatikanstaats ist für den Schutz und die Valorisierung der Katakomben zuständig. Nachdem einige Malereien der Katakomben von Vigna Cassia und San Giovanni restauriert worden sind, ist für die Katakombe von San Giovanni auch die Eröffnung eines kleinen Museums vorgesehen, um dem Besucher die Funde zu zeigen, die während der Ausgrabungen ab 1925 ans Licht gekommen sind, das Jahr in dem der italienische Staat und der Vatikanstaat in einem Abkommen die obengenannte Kommission ins Leben gerufen haben.
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